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September 8, 2007

die legende von romeo und julia – oder, wie schwer es romeo hat, wenn julia virtuell unterwegs ist…

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Mein Name ist Julia. Ja – wirklich … bitte glaubt mir,
ich heisse wirklich so, allerdings ist das mein zweiter Vorname, der so lange wie ich mich erinnere allen Frauen in unserer Familie gegeben wurde, zurück bis ins 17. Jahrhundert …Shakespeare wurde schon im 16. Jahrhundert mit dem größten Liebesdrama aller Zeiten berühmt, ich schätze mal, das spätestens da in unserer Familie der Hang zum Theatralischen geweckt wurde- zumindest was die Namensgebung unserer schwarzhaarigen Schönen anbelangte, griffen die Väter meiner Familie gern in die historische Kiste mit Namen aus Übersee, wir können dankbar sein , das ihnen nicht der Name Pygmalion in den Sinn kam, sondern das schöne , schlichte Julchen…. In veränderter Form mal als Juliane, Juliana, Juliette, Jule, Julie und eben Julia schmückt es unsere Ahnentafel und immer, wenn sich weiblicher Nachwuchs einstellte war klar, das ist und wird eine Julia sein. Wie in jeder Familie gibt es dann so kleine Legenden um diese oder jene Julia, die einzige lebende Legende , die ich kannte war meine Omi . Ich war so stolz, das ich ihren Namen tragen durfte…ich konnte zwar nicht mit der äusserlichen Schönheit meiner Oma aufwarten, aber dafür hatte ich ja meinen anderen Vornamen und sogar einen Dritten… Echt- so steht es in meinem Pass, den ich gerade gestern abholen konnte. Mit neuem Passbild, biometrisch vermessen… Ich habe zwar einen Heidenschreck bekommen, weil ich mich selbst nicht wiedererkannt habe, ich hoffe nur, das der türkische Kontrolleur am Flughafen in Antalya mir nicht einen Stempel neben das Visum hineindrückt, mit der Aufschrift „absolut nicht askimtauglich…“
Schrecklich, was ein Fotograf aus einem Gesicht so alles machen kann… nun ja wie gesagt, dann gehe ich eben in Antalya nicht als Julia an den Start sondern als Maria, die Heilige- macht sich eh besser…

Diese biometrischen Veränderungen, die einem da so verpasst werden sind zwar nicht besonders schick für eine Frau von meinem Format, aber ich kann schon dankbar sein, das das Einreise -und Passwesen auf dem Bürgeramt in Berlin im nachherein nicht von mir verlangt hat, mich einer Gesichts-OP zu unterziehen, damit ich dem Foto ähnlicher sähe…
Ich bin zudem heilfroh, das ich diese dumme Doppelgesichtigkeit Passfoto-Realität mit einem gesunden Mass an Selbstbewusstsein und dem Hang zum intellektuellen Um-die –Ecke-Denken zu vertuschen weiss. Als Frau muss man das heutzutage können. Da muss man nicht Julia heissen und 15 sein… Es ist ja nicht nur, das da ein Foto meine Person sichtbar verunstaltet, es ist ja eigentlich sogar nicht mein richtiges Gesicht, welches der Fotograf da abgelichtet hat. Unter einer Schicht Maquillage, die mir freundlicherweise eine französische Firma gegen eine hohe Schutzgebühr überlassen hatte, konnte ich meine Persönlichkeit und das wahre Alter perfekt tarnen. Das da die CIA noch nicht daraufgekommen ist !!!!das besonders die Damen ja ständig inkognito reisen….

Jetzt bin ich aber abgeschweift von meiner Familiengeschichte und dem Bedürfnis, den Ahnennamen einer besagten Julia aus dem 17. Jahrhundert weiterzureichen.
Wir kennen das ja auch aus anderen Familien, wo plötzlich Maximilians, Oskars, Ottos , Marthas und ähnliche Namensverwandte wie Pilze aus dem Boden schossen, schon interessant, das extra dafür Kinder auf die Welt kommen dürfen , damit weiterhin die wundervollen Namen unserer Vorfahren lebendig in diesem Sprachraum erhalten bleiben.

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Mein erster Vorname ist echt bescheuert, deshalb will ich den auch gar nicht hier zum Besten geben, denn die Kinder haben in Anlehnung an diesen immer Scherzlieder gemacht- was ich heute nicht ganz nachvollziehen kann, denn eine ganz nette amerikanische Hollywood-Diva trägt denselben Namen und die wurde nie ausgelacht- ihr hat man sogar den Oscar verliehen, mehrmals.
Aber ich bin ja nicht neidisch. Nachdem gestern von einem guten freund ein Fanclub für mich anvisiert wurde, bewege ich mich sozusagen in den Fußstapfen besagter Hollywood-Schönen, nun sagen wir nicht gerade für den Oscar, aber immerhin den Pulitzerpreis …
Mir macht nur etwas echt zu schaffen. Was mache ich denn bloss, wenn das Komitee des Preises wegen zu mir nach Hause kommt … Wer soll da die Tür öffnen? Julia, Maria oder die erste Dame des Hauses ? Oh je, nein! Ich muss ja als MAR präsent sein, denn unter diesem Namen habe ich so manches literarische Werk veröffentlicht … So ein Mist, die hatte ich ja fast vergessen!
So etwas kann ich meiner Omi doch nicht antun, das ich den guten alten Familiennamen ausgerechnet dann leugne, wenn es zur Preisverleihung gehen soll… Also muss ich doch wieder die gute , vertraute Julia sein, die dezent geschminkt mit natürlichem Charme in Anlehnung an die historische Julia die Wohnungstür öffnet, um die wichtigen Gäste hereinzubitten .
Aber das zweite Dilemma folgt auf dem Fuss. Ich muss ja . um einen Literaturpreis zu erhalten, vorab Arbeiten einreichen. Der Segen der Technik macht es mir leicht- ich verlinke einfach meine Arbeiten im Brief und sende diesen per e-mail ab. Alles ist so einfach- dachte ich jedenfalls. Aber keiner weiss, wer ich bin! Dieser Preis wird an weibliche Autoren vergeben. Das macht sich gut, denn auch Preisrichter müssen die Frauenquote in unserer Gesellschaft einhalten können. Ja, da bin ich ja richtig. Ich bin ja durch und durch eine Frau. Mein Name bürgt für Qualität. Julia, wie ein Schmelz liegt das auf der Zunge; Julia, das Pseudonym für die Frau und die Liebe an sich ( denkt mal an die Groschenromane! ) – immer auf der Suche nach ihren Romeo , keine andere Tragödie ist so populär wie diese… so aktuell. Wo ist aber mein Romeo abgeblieben? Ich bin hier ganz alleine in meiner Wohnung, und dieses männliche Pendant an meiner Seite, welches meine julianische Weiblichkeit durchaus nach aussen hin sichtbar machen könnte, hat sich noch nicht mit MAR anfreunden können. Ich brauche Euch, liebe Forumfreunde…. ich brauche Euch ganz dringend!
Ist hier irgendjemand da, der mich kennt? Jemand der garantiert weiss, das Julia / MAR tatsächlich existiert. Meldet Euch!!!
Leute-ich sitze in der Klemme…. Auf den Literatur- Preis könnte ich notfalls verzichten , aber wie fatal wäre es , wenn Julia ihren Romeo nicht finden könnte, weil er gar nicht weiss, das MAR tatsächlich eine FRAU ist…

August 27, 2007

warGAME going underground

Gespeichert unter: going underGROUND — silkandpaper @ 11:40

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gerade heute morgen , wieder eine brechend volle u-bahn, fiel mein blick auf die kleinen monitore, die werbung und nachrichten still aber ziemlich beharrlich in die menge streuen.
da lese ich plötzlich : war game. Leise erinnerte ich mich eines films, ala hollywood…. Ist schon lange her… nun ja, ich dachte, am 8. februar beginnen die filmfestspiele, vielleicht ist das einen retrospektive-ankündigung…. Nein. Weit gefehlt! Es war eine anwerbung der us-army für statisten! Da sucht doch tatsächlich die us-army leute, die als statisten den terroristen geben oder den polizisten oder als opfer eines fiktiven anschlages herhalten . als ob es nicht schon genug kriegsspiele gäbe in form von video und animation… aber es erschliesst sich mir eh nicht vieles, was mit waffengewalt zu tun hat.
der nächste spot aber hatte es in sich. ein jugendlicher macht sich abends ausgehfertig…. nein nein, nicht zur disco , sondern mit vermummender maske und spraydosen im handgepäck zog er auf piste, um seinem drang des vandalismus zu frönen…. die gutbürgerlichen eltern standen ratlos daneben, in ihrer nett eingerichteten wohnung , so auch das zimmer des aufmüpfigen jungen, sauber, ordentlich und wohnlich.
doch der spott wäre nicht ein spott, wenn er so enden würde. kaum war der rabauke ausser haus , demolierten die eltern das zimmer ihres sprösslings, hauten alles kurz und klein, besprühten die wände mit parolen und setzten sich danach zufrieden in ihre ohrensessel und erfreuten sich des wohlverdienten feierabends.
na ja, das blöde gesicht des sohnes kann sich wohl jeder vorstellen! als der nach hause kam und sein zimmer nämlich genau so vorfand, wie er draussen mit dem eigentum andere verfuhr. ein inneres lachen, ok schadenfroh aber ehrlich, durchfuhr mich bei diesem spott….
spot drei der morgendlichen berieselung suggeriert mir „going underground“- … und hilft mir dabei diese kleine geschichte abzuschliessen.
denn „going underground“ ist tatsächlich ein titel , den man den filmfestspielen zuordnen kann. diese worte aber umschreiben ja eine tatigkeit, etwas , was uns geläufig ist als „untertauchen“ – obwohl hier die u-bahn gemeint ist, die während der filmfestspiele wettbewerbsfilme sprich kurzfilme ausstrahlt .
ich musste innerlich einfach nur noch die fäden zusammenknüpfen, die sich zwischen der virtuellen welt des www , und der realen welt der berliner-u-bahn und der suggerierten welt des films vor mir lagen. Wieder einmal bestätigt sich , das alles irgendwie miteinander zu tun hat. oder besser, man kann alles miteinander verknüpfen, wenn man die augen offenhält… war game … ist kriegsspiel, vandalismus ist eine art von einem kleinen kriegsspiel mit ebenfalls verherrender wirkung … und kann man auch mit anderen dingen auf kriegsfuss stehen? sicherlich – und wenn ich mit manch alltäglichen auf kriegsfuss stehe, fliegen schon mal unkontrolliert worte wie kleine kugeln durch den kopf.
going-underground kann man auch ganz anders übersetzen; es ist eine art , sich zu verstecken , zu verbergen…. verstecken und verbergen hat man eigentlich nur nötig, wenn man sich einer nicht angemessenen unrichtigen handlungsweise ganz und gar bewusst ist…
denn : kriegsspiele erfordern eine strategie. ähnlich wie bei den spielen, die harmloserer art sind, wie mensch ärgere dich nicht oder halma, schach oder go…meinetwegen auch kartenspiele oder auch galgenraten. doch halt…. galgenraten ist ein spiel , da muss man worte kennen, da muss man worte buchstabieren können, man muss worte erraten können. man muss mit worten umgehen können. aber mit worten und sprache jonglieren, das erfordert eine andere strategie….
worte , die missbraucht werden können auch zu geschossen mutieren.
so eine art verbaler vandalismus. Ein schrecklicher gedanke, von diesem vandalismus erfasst zu werden…
das möchte ich eigentlich nicht, den ich liebe meine sprache.

morgens in der u-bahn- zwischen 8:30 und 9:10 uhr

der tanz in der UHR – ein augenblick

Gespeichert unter: going underGROUND, kurzgeSCHICHTen — silkandpaper @ 11:06

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Morgenstimmung wie in Peer Gynt. Wellengeplätscher, Rauschen. Der Duft vom nordischen Meer…. Alles Täuschung, alles nur Phantasie. Die dunkelblaue Seife mit der Duftbrise von Wasser und Wind landet in der Seifenschale. Die Dusche rauscht an meinem Ohr vorbei und die Pfütze am Boden wird zum Ozean. Herrlich! Im Radio erzählt man den gutgläubigen Hörern von Sonne und Wärme. Wunderbar. Der Tag kann kommen.
Der Tag hat 24 Stunden. 24 Stunden für ganz viel Glück.

Knallbunte Schuhe ….leichtfüßig springe ich zum Bäcker, iyi sabatlar, ikitane simit istiyorum. Tesekkürler… die Treppe hinunter, in die U-Bahn hinein. Ihr ahnt sicher schon
 etwas; denn wenn ich U-Bahn fahre, scheint es oft so, als fahren die schönen, glücklichen Momente immer als unsichtbare Fahrgäste mit. So ist es auch. Egal, wie viele Leute da stehen und schwatzen, sich drängeln oder schubsen… zwischen all den Bewegungen gibt es die Momente von Ruhe und Stille. An den Stationen treffen Welten aufeinander. Wenn die Türen sich öffnen, riecht es manchmal nach Laugengebäck, nach Curry, nach frischen Schokoladencroissants oder nach dem Kaffee to go … Jede Station ist ein neuer Kontinent mit einer ganz eigenen Flagge; so nenne ich die großen Reklamekästen, die beleuchtet sind und Nordseestrände als weiße Karibik oder Thüringer Landschaften als norwegische Einöde verkaufen. Flatternde bunte Gewänder um knackig-braune Mädchenkörper – das Land der Sonnen liegt gleich um die Ecke…
Heute habe ich einen neuen Kontinent entdeckt. Mit einer ganz besonderen Flagge. Im rechteckigen Blau sehe ich eine große runde Uhr, hell erleuchtet lädt sie mich ein, der Zeit meine Aufmerksamkeit zu widmen. Eine grazile Schönheit tanzt – eingerahmt in das Uhrenrund. Ihre schlanken Arme und Beine sind Stunden –und Minutenzeiger. Wie witzig! Ich muss innerlich lächeln. Diese Bild passt zu der Morgenstimmung eines erwachenden Berlin.
Der Tanz in der Uhr, der Tanz in der Zeit. Das hat schon etwas Wahres. Können wir die Zeit voraussagen, in der uns zum Tanzen zumute ist? Lassen wir uns auf die Unendlichkeit ein? Möchten wir die Zeit anhalten, uns an sie klammern, oder gar in ihr versinken? Wiegen wir uns in Momenten des Glücks tatsächlich so anmutig und lehnen uns zurück, um mit dem Rücken Halt zu finden an einem Uhrengehäuse… Können wir uns dem Vergnügen des zeitlosen Schwebens wirklich so hingeben wie diese Tänzerin, die verspricht, ihren lockenden Tanz in einem der Berliner Theater vorzuführen.
Der Kontinent der Zeitlosigkeit, der Ewigkeit, der Kontinent in meiner Phantasie – ich kann ihn nur Sekunden besuchen. Die U-Bahntür schließt sich wieder und mein sehnsuchtsvoller Blick hängt an dieser Fotomontage fest. Die Zeit ist nicht messbar. Also sind auch die Momente nicht messbar. Zeit ist trotz ihrer Rastlosigkeit beständig und immer, also ist auch immer Zeit für glückliche Momente.
Immer wieder holt mich die Welt außerhalb aller begrifflichen Möglichkeiten ein. Diese visuellen Länder, Kontinente, Zeitbegriffe und Momentaufnahmen sind Nahrung für mein Lächeln. Ich brauche diese subtilen Berührungen, Wahrnehmungen. Sie sind die Fahrkarten zu meiner Gefühlswelt. Adieu , unbekannte Tänzerin !
Mein Blick sucht sich, wie alle Reisenden beim Abschied ein Ziel, wo er sich
Verfangen kann, wo er sich verhaften kann, um erst dann wieder aufzuschauen, wenn das Gewesene in der Ferne entschwunden ist.
Über meinem Kopf wechseln die Bilder auf dem doppelten Info-Bildschirm der U-Bahn. Bücherwelten, Theaterwelten, NEWS … Und plötzlich zwei leere weiße Bildschirme , für Sekunden blank von jeder Suggestion. Auf dem rechten Bildschirm flackert es und eine Buchstabenzeile erscheint „Wo bist Du?“ und mit kurzer Verzögerung flackert der andere Bildschirm auf „ Ich bin hier!“…Hin und her geht dieses kleine Fragespiel, was sich die BVG ausgedacht hatte . Und die letze Frage „wo finde ich Dich?“ war für mich schon wieder wie eine Freifahrkarte in ein anderes Universum , denn da stand : “ Hier! im Augenblick „

Diese Welt ist wunderbar verrückt. Man muss es nur sehen , und gerne in ihr zu Gast sein wollen .

ps: der „Augenblick “ so heisst die virtuelle Infotafel der Berliner Verkehrsbetriebe.

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„ …jetzt geht es ans Eingemachte“….wie oft hatte ich diesen Spruch von den Erwachsenen in meiner Kindheit gehört, und konnte ihn in keine Beziehung setzen zu dem, was sich meinen Blicken bot. Vergebens suche ich mit den Augen die Umgebung ab, um die blanken Gläser mit dem geriffelten Aufsatz zu entdecken, in denen Kirschen, Bohnen, Gurken, Dill, Tomaten, Paprika dicht an dicht lagen ( oder in mageren Erntejahren mehr in ihrem Sud schwammen als das man sie durch das Glas hindurch sehen konnte… Von meiner Großmutter für die besonderen Tage an der Familientafel bevorratet, hatten diese Köstlichkeiten einen festen Platz in meinem kindlichen Kopf, mehr noch in dem immer hungrigen Magen . Wenn ich heute daran denke , wieviel ich damals essen konnte und während ich immer noch Nachschub forderte , meine Mutter mich tadelnd ansah, und leise zischelnd mir über den Tisch einen ihrer geflügelten Sprüche hinwarf: „Kind, iß mit Verstand ! „
Meine Großmutter hatte da naturgemäß wie Großmütter sind , meiner Mutter ( ihrer Tochter) in ihre Erziehungsmethoden hineingeredet : „ laß sie doch, sie wird schon von selbst merken , wenn es ihr zuviel wird “.
Ging es uns nicht allen so? Als Kind konnte man essen, essen, essen… alles durcheinander, von allem zuviel, jederzeit ; unbegreiflich für mich rückblickend .
Es ist schon eine denkwürdige Erinnerung an diese Zeit ; gerade jetzt.
Nach einem neuen Zuhause suchend hatte ich endlich eine Wohnung gefunden, die meinem Sammelsurium von Büchern, Bildern, Werkzeugen und Krimskrams Räumlichkeiten bot. Kisten, Kartons, Taschen, Koffer… alle Behältnisse vollgestopft , mehr oder weniger sorgfältig verstaut … das in die Küche, das ins Gästezimmer, das in die Regale, das in diesen Schrank- und das vorerst in die Werkstatt ( da habe ich im Moment am allerwenigsten zu tun, und es steht nicht im Weg…)
Langsam hatte ich mich eingerichtet, begann diese Räume zu bewohnen, hätte längst schon wieder die Werkbank aufstellen können oder restliche Kartons öffnen und einordnen können… Da war etwas was mich hinderte, die schweren Kisten mit Papieren , Bildern , Fotos und Briefen zu sichten und zu ordnen, um ihnen wie in der alten Wohnung einen Platz zu geben ( der wenn ich jetzt ehrlich zugeben muß, die staubigste Ecke unter den Bücherregalen war ) . Also warum sollte ich diese Sachen auspacken!
Dort zwischen leeren und vollen Marmeladengläsern im Werkstattregal sind sie gut aufgehoben… Himmel, würden altmodische Hausfrauen aufschreien, welch ein chaotische Unordnung. Marmeladengläser!!! Papier und Eingemachtes…nebeneinander! Doch hatte ich mir nicht ganz unbewusst eine kleine begehbare Brücke gebaut mit diesem scheinbaren Chaos?
„ Ich hole schnell mal Marmelade !“ ….ans Regal, Vorhang auf, ein Griff- ach nein, schon wieder segelte mir ein loses Blatt aus dem oberen Fach entgegen; keine Zeit herauszufinden, zu welchem Karton es zugehörig ist- irgendwo zurückgestopft, zurück zur Küche, Marmeladenglas öffnen , oh dieser Duft von Kirschen und Rosenwasser !
Wo ist der Löffel, schnell! Fast kindliche Gier… einen und noch einen und noch einen…

 

Und noch während mir die Süße des Zuckers und die Säure der Kirschen einen unvergleichlichen Hochgenuß verschafften, ging ich zum Regal in die Werkstatt zurück.
Eingemachtes !
Ja , das ist es, was ich als Kind vergeblich suchte, wenn Erwachsene ihre gewichtigen Mienen aufsetzten und manchmal hinter vorgehaltener Hand flüsterten, oder auch mit einem wissenden , bedeutungsvollen , oder neugierigen Blick einander zu bestätigen suchten, das es „ JETZT ans Eingemachte ginge…“
Und JETZT ? Was ist JETZT?
Jetzt sitze ich auf einer kleinen alten Holzleiter in der Werkstatt und halte einen Teil meines Lebens in den Händen.
Mein Eingemachtes waren meine fliegenden Blätter, Notizen, Schmierpapier, Zettel mit dahingeworfenen Worten oder die Briefe, die ich erhalten, gelesen, bebündelt und fast vergessen hatte ; mein Eingemachtes sind kleine Gedichte, Fragmente, Manuskripte, Postkarten, Empfangsbestätigungen von Paketen, adressiert an eine Wohnung, die schon lange von anderen Menschen bewohnt wird. Großmutters Rezept für „schnelle Gurken“ … Eine Zeichnung dazwischen, eine Adresse auf einen Bierdeckel gekritzelt , ein Poesiealbum mit Sprüchen von Schulfreunden, die Kopie meiner Geburtsurkunde , ein blau-weißes Band, welches einst verhindern sollte, das alles wild durcheinander gerät…
Danke, allerliebste Omi, danke, Ihr Menschen aus meiner Kindheit..
Ich verspreche Euch , eine weniger bedeutungsvolle Miene aufzusetzen , um an dieses spezielle Eingemachte zu gehen.
Leider weiß ich bis heute noch nicht, wer von den beiden recht hatte:
„…laß das Kind doch essen, sie wird es schon merken, wenn es zuviel ist“ oder „ Kind , iß mit Verstand…“ Ich bin beiden Sprüchen je nach Gefühl und Lebenslage zugeneigt, manchmal wünschte ich mir, das meine Mutter das letzte Wort gehabt hätte, aber dann sind da Zeiten und Momente in meinem Leben, da muß ich einfach mehr als Verstand haben…

 


ZEITges(ch)ehen

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Berlins Strassen wecken meine Neugier. Strassen, die gezeichnet sind von Fußabdrücken, Rissen und Narben der Vergangenheit. Und nirgendwo als auf Trödelmärkten in diesen Strassen ist Vergangenheit so gegenwärtig. Wie durch einen Türspalt versuchen meine Augen von  dieser Vergangenheit etwas zu erhaschen. Trödelmarkt. Hier türmen sich Dinge, gestrandet an der Endstation ihres Gebrauchtseins zu kunstvollen Gebilden auf wackligen  Tischen; die gegenwärtige Vergangenheit aufgeschichtet zu einem Fundament von Zeitlosigkeit. Wenn meine Blicke jene alten Gegenstände streifen, die mit ihren Geheimnissen so einfach die Erinnerungen die sie in dieses Heute hinüber gerettet haben, lebendig werden lassen , dann kann es geschehen, dass meine Gedanken entlang an den Grenzen der Zeit zurückwandern…. “ Was ist denn das hier?“  Zwei Teenager  erfragen sich die Dinge und staunen über alles, was es auch noch vor geraumer Zeit im Hause ihrer Eltern gab. Weggeworfen; Dinge, die man früher von Generation zu Generation weitergereicht hatte und die in dieser High-Tech-Zeit und dem schnell vergänglichen Alltag keine Brauchbarkeit mehr finden .

Ohne die Antwort des Händlers abzuwarten schlendern sie davon. Ob sie wohl ahnen, wie sehr sie  Fremde im eigenen Haus sind und dass ihre Frage , während sie Davoneilen selbst schon ein Bruchstück ist; ein Rest von allem, was ihre eigene Zukunft ausmachen wird, irgendwann? Hier und Heute braucht man Zeit. Ich möchte Gast an diesem Heute sein , Gast im Leben einer  alten Frau, die Kleider, Gürtel und Hüte feilbietet. Die Frau selbst scheint wie ein altes Kleidungsstück zu sein, wie ein guter alter  Tuchmantel mit einem Seidenfutter. Solide. Jedes Kleidungsstück ist eine Episode, ein Schicksal. Nur wenig kann ich von der Vergangenheit der Frau erhaschen . Ich erahne nur, dass sie mit dem Plaudern die eigenen Erinnerungen in sich abfragt, und das die Dinge, die sie hier verkauft, etwas mit ihrem Lebensinneren zu tun haben. Ihr munteres Schwatzen erleichtert ihr  möglicherweise das Weggeben und Verkaufen .  Erinnerungen solcher Menschen  sind die eigentlichen Gravuren in unserer Zeit;  sie sind verwoben mit den Substanzen aus Idealem und Existenziellem und sie öffnen mir Türen zu einer anderen Welt. Für Sekunden. Ob wohl Erinnerungen fremder Menschen anders sind? Nein, nur ihre Lebensläufe sind anders.

Im Verborgenen entfaltet sind diese Lebensläufe Raumabstraktionen, sind für mich Zeitreisen, sind Teilhaben am Leben. In diesen Zeitsprüngen  kann ich den einzigartigen Flair des Gestern und Vorgestern erspüren. Trödel hat nichts Morbides und Zerfallendes oder  an sich;
nein, es trägt dieses Lebendige der Zeitlosigkeit mit sich, die wir als Kinder
an unseren Großeltern entdeckten; denn Großeltern altern nie in unseren Augen. Wir kennen sie so , wie sie geworden sind mit der Zeit: gereift, erfahren, wissend und wahrhaftig. Hier auf einem Trödelmarkt scheint diese Wahrhaftigkeit  jedes Ding zum Leben zu erwecken . Hier ist es möglich , dass die Erinnerungen die Sekunden  zu einer Lebenszeitspanne dehnen, und die Vergangenheit für mich „bewohnbar“ machen. Ein Flohmarkt schreibt seine eigene Geschichte. Er hat keine Kalenderbögen , die über Wochen hinaus die Zukunft sicherstellen wollen. Alles hier ist spontan.  So wie das Leben.

So wie meine Neugier, die mich am Vergangenen teilhaben lässt. Märkte wie dieser ,unter freiem Himmel haben nichts von ihrem Reiz verloren, haben nichts verloren von der Ursprünglichkeit aus ihrer eigenen Kraft zu leben . Märkte gleichen einem Kaleidoskop, welches die Bilder von Sekunde zu Sekunde verwandelt und doch stets ein Gleiches bleibt. So wie die Zeit …

Die große Liebe

Gespeichert unter: going underGROUND, legENDEn von romeo und julia — silkandpaper @ 10:12

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Letzte Woche in der U-Bahn. Eine Kindergartengruppe von 5- 6 Jährigen nahm den ganzen Waggon in Beschlag. Schnatternd und lärmend erzählten sich die Kinder über Sitzbänke hinweg die Erlebnisse ihres Ausfluges. Sie waren im Zoo und nun ging es wieder zurück zum Kindergarten, irgendwo mitten in Kreuzberg, in den Dschungel alter Gründerzeitbauten, dichtbesiedelter Stadtteile und lärmender Strassenzüge …Neben mir auf der Dreierbank saß rechterhand eine junge Frau und linkerhand quetschten sich noch schnell zwei Kinder mit bunten Rucksäcken auf den verbliebenen Platz… so kleine Menschen passen da gerade noch rein! Trotzdem „hingen“ beide, der kleine Junge und das kleine Mädchen , irgendwie nur halb auf dem Sitz. Die Rucksäcke beider Kinder und die Enge auf der Sitzbank verhinderte ein gemütliches Anlehnen ….obwohl die junge Frau und ich etwas enger zusammenrückten , damit für uns alle Platz wurde. Trotzdem rutschte das kleine Mädchen ständig auf dem glatten Plastikbezug des Sitzes nach vorn und konnte sich als ein Leichtgewicht sich nicht so richtig am Sitz festhalten und versuchte irgendwie wieder nach hinten zu rutschen. Während der Fahrt plauderten die beiden Dreikäsehochs und immer, wenn die Kleine nach vorn rutschte , versuchte der Junge sie festzuhalten und wieder vorsichtig und liebevoll auf den Sitz zurückzuziehen, damit sie nicht beim Anfahren und Stoppen der U-Bahn runter auf den Gang fallen konnte. Vier Haltestellen später, beim intensiven Plaudern über den leckersten Lolly und das lustigste Tier im Zoo, über den Ärger mit der kleinen Schwester und den Zwilligsbruder wurde das Mädchen müde und lehnte sich mit ihrem Kopf auf die Schulter des Jungen. Aus dem Augenwinkel betrachtete ich die beiden amüsiert. Die Gespräche der Beiden klangen so vertraut; das ich gar nicht anders konnte, als die beiden zu belauschen. Der U-Bahn – Zug ruckelte wieder an. Wieder rutschte das Mädchen nach vorn, wieder zog der Junge sie zurück auf den Sitz, wieder versuchte das Mädchen sich an seiner Schulter auszuruhen aber besann sich dann doch eines Besseren und legte ihren Rucksack auf seinen Schoß und darauf ihren Kopf . Behutsam beugte sich der Junge zu ihr runter und sagte leise zu ihr: das geht aber nicht, das ist nicht gut so… Warum, flüsterte sie zurück. Wieder beugte er sich hinunter und sagte noch leiser: mach das lieber nicht , dann weiß doch jeder, das ich dich liebe…

PS : Die U-Bahn hielt, die Kinder stiegen aus . Leute stiegen ein …In einer Ecke stand nun ein Pärchen, das sich wild knutschte und und der Mann die Hände gar nicht bei sich halten konnte. Ich musste leise lachen…Der 6-Jährige war wirklich der Klügere von beiden! Die große Liebe ist unsichtbar und die posaunt man eben nicht einfach so aus….

August 26, 2007

wortDURCHGANGszimmer

Gespeichert unter: kurzgeSCHICHTen, wahrNEHMungen — silkandpaper @ 2:01

 

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Wortdurchgangszimmer. Ja , wortwörtlich sind die Worte hindurchgehuscht. So schnell, das von ihnen nur noch ein Schweif übrigblieb, ein helle Spur, die wie in einem Nachthimmel die Kondensstreifen der Flugzeuge ins Dunkelblau abzeichnen… Langsam verblassen die Spuren ganz da oben, sie lösen sich auf, zerfransen und verlaufen und werden ein Teil von den Wolken, die man nie berühren kann.
Die Worte, die Phrasen, die ganzen Sätze oder die dahingeworfenen Abkürzungen, Links oder Smileys zerfransen ebenso in meinem Gedächtnis , denn sie laufen so schnell durchs Bild, sie sind so schnell widerrufbar und so schnell nicht mehr wahr- wie können sich da die Worte in mir verfangen, wie heimisch werden? Ich gebe zu, das mich manche Themen des Lebens irritieren, das sind so Situationen, die getrost an mir vorüber gehen könnten …denn obwohl in wunderschöne Worte gefasst, können sie in ihrem Inhalt an mir wie die Flugzeuge vorbeifliegen, mit einem lauten Motorengebrumm, mit viel Staub, der von den Düsen aufgewirbelt wird und für einen Moment ganz sichtbar ist- aber zum anderen mir der Staub auch die Sicht vernebelt…Was kann ich da wohl am besten tun?
Prustend mir den Staub aus dem Gesicht wischen, mit den Händen um ich herumwirbeln, um die Nebelschwaden aus Staub besser zu verteilen?
Es ist gleichgültig, was ich mache, es ist egal, wie sehr ich mit den Händen durch die staubgeschwängerte Luft fahre – sie sind trotzdem da, diese Themen, diese Probleme, diese Flüchtigkeit von schnell Dahingesagten, was aber sich Wurzeln sucht, Luftwurzeln vielleicht , die sich festkrallen in mir und sei es nur für einen Moment…

 

Ich lese und schaue und sehe und höre , wie sich das Wort , das geschriebene, das gesprochene , so sehr verfremden lässt hinter Phrasen und Polemik, sogar hinter den Wiederholungen, das man hilflos und mit staunendem Blick sich selbst fragen muss: ist Schweigen tatsächlich Gold?

 

Da ich eher ein Mensch der Sprache bin, ein Mensch des Wortes , welches mir „versilbert“ ( Reden ist Silber) recht angenehm erscheint, ist es mir wichtig, das die Worte ein schönes Zuhause finden. Aber wo können solche Worte ein Zuhause finden, mit denen ich mich nicht behaglich fühle, die mich manchmal unvorbereitet treffen, das es mir vor Staunen den Mund offen stehen lässt…
Ich mag diese Worte nicht an mir, ich mag sie nicht mit mir in Verbindung gebracht wissen, und ich suche mir eine kleine Ecke im Zimmer meines Gedächtnisses, in der Hoffnung, das sie dort in Vergessenheit geraten.
Leider , leider ist das ein Trugschluss. Da fällt mir doch eine Diskussion mit einem Freund über die „Schubladen“ ein. Auch dort wurde verstaut und weggepackt.
Der Trugschluss ist der, das zwar im Moment alles aus den Augen und demzufolge aus dem Sinn ist- aber es ist eben ein Trugschluss. Bei der nächsten Gelegenheit guckt da so ein Zipfelchen ROT aus der Schublade und ich werde sie garantiert aufziehen ( menschliche Neugier) – und schon habe ich den Schlamassel… Alles ist wieder da! Ich sehe ROT und zwar überall!

 

Na ja, was will sie denn schon wieder sagen, diese Frau , das fragen sich sicher einige …
Rot ist doch eine wundervolle Farbe, denk mal an die Weihnachtszeit!
Jeder von uns hat Engelchen und Weihnachtsmänner, rot-grüne Gestecke und rote Bänder, Schleifen und Glaskugeln, rote Schlitten und rote, fellverbrämte Nikolausmäntel samt Nikolaus und Weihnachtselfen oder kleine, durch Bild flitzende Überraschungen herzuzeigen.

 

Esoterische Farbtheorien und psychologisch angehauchte Belehrungen über die wunderbare Kühle von Blau und die irritierende Wirkung von Lila werden von einigen Zwischenrufern hervorgekramt…..NEIN! Auf keinen Fall Rot bitte…! Fast jeder meint die verheerende und subtile aufregende Wirkung von Rot auf das Gemüt zu kennen…

 

So mancher tanzt auf einem glühendroten Lavastrom aus Worten…
Auch Worte färben unser Leben. Auch die Asche, die übrigbleibt, hat eine Farbe.
So weit zum Rot. So weit zu den glühenden Wortdebatten .

 

Oh ja ! Miteinander sprechen- ein rotes Kerzenlicht wird angezündet. Die Dämmerung verleitet uns zum Flüstern. Die Worte werden leise und besinnlich. Im flackernden Kerzenschein wird fast jeder zum Poet , das weiß man ja…
Wir wissen auch , daß man schöne Worte für besondere Situationen fast auf der Strasse finden kann , wenn man die Augen und Ohren öffnet..und man sie bewahren und hüten kann und nur zu einem besonderen Anlass oder zu einer besonderen Person sagen wird.
Sie sind kleine Schätze, diese besonderen Worte, die golden-silber-rot verpackt einem geliebten Menschen überreicht werden , und erst dann wird einem Vieles ganz bewusst , was bis dahin geheimnisvoll versteckt und gehütet wurde.

 

So, wie der Kondensstreifen eines Flugzeuges am Himmel zum Schweif des Sternes von Betlehem wird , oder der Staub des Jahres, der sich auf dieses oder jenes Wort gelegt hat, flittert und glänzt plötzlich wie Goldstaub auf einer Weihnachtstanne…so verwandeln sich zuweilen die versteckten Wortgeheimnisse zu dahingehauchten Liebeserklärungen.
Ich schliesse ab und zu die Tür zu meinem Wortdurchgangszimmer und das Schlüsselloch habe ich dann gut verklebt. Niemand kann durchs Schlüsselloch schauen, um herauszufinden , was sich dahinter verbirgt.
Wenn ich jetzt die Tür öffnen würde, dann würden die Worte aufwirbeln wie Staub. Diese Worte würden sich eben genau diese erwähnten Luftwurzeln suchen, und für flüchtige Momente den Anschein eines Haltes vorgaukeln.
Ich denke, ab und zu ist es gut, wenn die Türen mal verschlossen bleiben; wenn dahinter in aller Ruhe etwas anders als Staub „aufgewirbelt“ wird.

Gespeichert unter: all you need is FUN-tasy, kurzgeSCHICHTen — silkandpaper @ 7:05

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Toasted Susie is my ice-cream!
…oder warum Gertrude schuld ist, daß ich Fußnoten liebe.

 

Wenn der Mittsommer 1 naht, dann beginnt in meinem Körper eine andere Zeit zu ticken. Ich weiss nicht warum, aber irgendetwas sagt mir, das dieser Sommer mein Frühling sein wird…Ich laufe durch den Park und obwohl keine 50 Meter weiter die Stadt tobt- duftet das Gras wie die Wiesen, die mich umfangen und gebettet hatten, als ich mir den ersten Kuss 2 des Lebens geben lies . Ich würde mich am liebsten in diese ganz hohes Halme fallen lassen , so daß sie über meinem Kopf zusammenschlagen. Nur ein kleines Guckloch bleibt ,durch das ich einen blauen weißgepuderten Himmel schaue und dieses grasgrünscheinende Wunder des Sommers entführt mich auf den Wogen 3 eines unbeschreiblichen Glücks ins Land der Phantasie…
So ein wundersamer warmer Tag im Juni , der in eine laue Nacht hinübergleitet… Die Mittsommernacht schleicht sich an mit einem glucksendem Lachen, verstohlen blinzelt sie mir zu und flüstert, das sie doch eigentlich aus dem Süden stamme; sie sei nur vor der Hitze geflüchtet, sie bräuchte 4 eine Auszeit von all dem Lärm an den Stränden und dort im Süden, käme sie nicht mehr dazu, sich auszuruhen. Sie, die Nacht würde dort zum Tag gemacht …
Ich lache hell auf. Was redet sie da, diese leise, schöne, besondere Nacht? Hat sie vergessen, das im schattenlosen Stundenreich dieser wenigen Tage im Juni das ganze Mysterium 5 von Dichtern zu Hause ist? Entlang an den wie von perlenkettenumsäumten Inseln Finnlands oder in den sternenfunkelnden Wassern der Newa 6 in den Petersburgern Weißen Nächten 7 ?
Nein, knistert die Mittsommernacht- die Nacht kann auch zum Tag werden, aber die besten Geheimnisse haben ich den Menschen entlockt, wenn die Magie 8 erwacht, die von Licht und Dunkelheit ausgeht. Hier kann man die Mittsommergeheimnisse aus Menschen entlocken, hier im Norden 9

 

Ich blicke auf. Noch immer sitze ich am Rande der Wiese , mitten im Park. Es ist taghell und ich frage mich, wo hier der Norden sei! Das warme Licht wärmt auch meine Haut , schon fast zuviel, doch dann sage ich mir, es muss doch etwas dran sein, das ich mit dem herannahenden Mittsommer ein Zwiegespräch 10 führe.
So ganz ist mir die Sache nicht geheuer 11 …und bevor man zu glauben bereit sei, das ich Selbstgespräche führte, muss ich sagen, nein, das tue ich nicht! Zumindest nicht laut. Es klingt kompliziert, ist es aber nicht.
Mir fiel dabei ein Spruch von Gertrude Stein 12 ein: Komplikationen sind immer einfach, aber eine andere Sichtweise als die der ganzen Welt ist ganz selten.

 

Warum fallen mir solche Worte immer ein, wenn die Nächte länger werden? Warum lese ich an solchen Tagen Bücher über die Zeit 13, über Gravitation 14 , über Zeitsprünge und Wortschleifen, über Geheimnisse fremder Menschen, über Reisen zum Mond und über Schwarze Löcher 15, die als Quader 16 wie in Kubricks 17 Film 2001: Odysee im Weltraum über allem lautlos schweben…

 

Ist es zu kompliziert 18 , vom Duft einer Sommerwiese , weiter über die Sehnsucht nach der Liebe im Moment , über die Mittsommernacht hin zur Gravitation im Weltall zu gelangen? Wenn Komplikationen einfach sein sollen, ja was sind dann die einfachen Dinge? Kompliziert?
Ich muss wieder innerlich lachen! Natürlich ist es so. Oder nicht?

 

Jetzt wünschte ich mir mehr Ehrgeiz 19 , den Dingen auf den Grund zu gehen. Aber die laue Luft träufelt 20 sich in meinen Kopf und über meinen Körper , und wie ein Netz legen sich die verschiedenen Gedanken über mein Gesicht…schön eingeteilt in übersichtliche Vierecke… der erste Gedanke in dieses Kästchen, der zweite Gedanke in dieses Kästchen, der dritte dort hinein und der vierte da…
Na bitte! Alles wohlgeordnet. Jedes Ding hat seinen Platz. Dort in der Mitte ist noch ein Kästchen frei. Was oder wen kann ich dort unterbringen, verbannen, einbinden, anbinden ? Vielleicht passt noch ein Gedanke hinein. Ein Gedanke ist flexibel 21 , er ist ein bisschen flüchtig , er kann sich auch mal kleinmachen, wenn alles andere darum herum sich drängelt und schubst und breit macht. Ein Gedanke kann sich auch mal hinter etwas verbergen 22 . Wenn er sich ganz klein macht , passt er sogar hinter das T 23 , welches schmal und fast unsichtbar für so vieles stehen kann.

 

Der Weg aus dem Park nach Hause führt mich am Eisladen vorbei. Warum nicht ein Eis essen! Ich versüße mir die komplizierte , einfache Welt und kann plötzlich Gertrude 24 verstehen, die in der scheinbaren Abstraktion 25 der Worte die Mystik des alltäglichen Rätsels versteckte.
„Toasted Susie is my ice-cream“ 26 .
Wie ich meine bizarre 27 Gedankenwelt in kleine Netze unterteile, so hat jeder Dichter seinen eigenen Weg, die Worte für sich stehen zu lassen, und sie doch als ein Ganzes zusammenzufügen.

 

Natürlich bin ich ein Stümper 28 gegen Gertrude Stein, aber trotzdem nenne ich sie manchmal heimlich „Schwester“. So wie ich Baudrillard 29 manchmal meinen „Bruder“ nenne…
Man fragt sich natürlich anhand all dieser scheinbar nicht miteinander verknüpften Dinge, wie sie wohl zueinander fanden.
Sie sind die einfachen Dinge, die kompliziert sind, sie sind die Fußnoten , die einen Text begleiten und die , wie das Kleingedruckte oft übersehen werden. Früher habe ich sie geflissentlich überlesen, diese besternten oder durchnummerierten Erklärungen . Und irgendwann ertappte ich mich dabei, das ich zuerst die Fußnoten las und dann erst das Buch. Das mag bizarr klingen, aber diese literarische Meditation 30 hatte fast das, was ich im Alltag oft mache: ich wende mich dem fast Unsichtbaren zu und entdecke plötzlich darin einen anderen Kosmos 31.

 

Ich wünsche Euch viel Spass beim Lesen und vielleicht stolpert Ihr mal über eine Fußnote, die Ihr sonst [bersehen hättet…

 

Habt Ihr mitgezählt ? Es sind 31 Fußnoten- für jeden Tag im Monat eine!

 


…………und hier sind die Fussnoten…………………..

 

1. Als Mittsommer wird die Sommersonnenwende am 20., 21. oder 22. Juni bezeichnet. In den nordischen Ländern wird es Nächte zu dieser Jahreszeit kaum dunkel.
2. Der Kuss- ist eine Ausdrucksform einer Emotion. Die Bedeutung des Kusses, insbesondere in der Öffentlichkeit ist jedoch kulturell unterschiedlich.
3. Wogen- sind eine spezielle Wellenform. Die Gravitation bildet Wellen wenn Wasser durch Einwirkung einer Störung zum Schwingen angeregt wird. Beispiele für Störungen sind der Wind, der verantwortlich ist für den Seegang auf den Meeren. Ins Wasser geworfene Steine und Strömungshindernisse erzeugen Wellen, fahrende Schiffe begleitet eine Bugwelle. Seebeben können Tsunamis hervorrufen. Wogen des Glücks ist die literarische Umschreibung des Auf und Ab der Emotionen bei Menschen
4. bräuchte- brauchen, benötigen
5. Mysterium- ist ein Geheimnis … Gemeint ist dabei nicht etwas, was man normal mitteilen könnte , sondern ein komplexer, oft paradoxer Sachverhalt von existenzieller und religiöser Tragweite, der sich der direkten Mitteilung und logischen Analyse wesentlich entzieht.
6. Newa- (russisch Нева) ist ein 74 km langer Fluss in Russland, der vom Ladogasee in die Ostsee fließt. Sie durchquert dabei Sankt Petersburg.
Obwohl die Newa mit 74 km ein sehr kurzer Fluss ist, ist sie vergleichsweise
wasserreich. In der Nacht zwischen 2 und 5 Uhr werden die Newa-Brücken
aufgeklappt, woraufhin zwischen zahlreichen Stadtteilen keine Verbindung mehr
besteht.
7. In den Weißen Nächten von Ende Juni bis Mitte Juli ist die Passage der
Schiffskonvois ein Schauspiel, das sich tausende Menschen trotz der
nachtschlafenden Zeit ansehen.
8. Magie- aus dem altpersischen Magusch, der Bezeichnung der medischen
Priester) ist der Versuch, Ereignisse, Menschen und Gegenstände auf
übernatürliche Weise zu beeinflussen.
9. Norden- ist eine Haupthimmelsrichtung. Die Bezeichnung leitet sich vom
Althochdeutschen nord und der Indogermanischen Einheit -ner für links oder
unter ab, was möglicherweise auf „links der aufgehenden Sonne“ zurückzuführen
ist. Norden hieß auch „Septentrio“, auf das Siebengestirn bezogen.
10. Zwiegespräch- ein Dialog , teils mit sich selbst hinterfragend geführt, u.a. als eine Form philosophischer Erörterung mit der Absicht, zu tieferer Einsicht in einer Frage zu gelangen.
11. Nicht geheuer- nicht geheuer sein : sein Unwesen treiben, gespenstern, herumgeistern, umgehen, irrlichtelieren…in diesem Fall heisst es somit: die Sache ist mir zu unheimlich…
12. Gertrude Stein- Gertrude Stein gehörte mit ihrer extrovertierten Art zu den Kultfiguren der Kunst- und Literaturszene ihrer Zeit. Durch einen von ständigen Wortwiederholungen geprägten Stil wollte sie nach eigenem Bekunden den Kubismus der abstrakten Malerei in die Literatur übersetzen. Mit ihren Schriften zählt sie zu den Avantgardistinnen des 20. Jahrhunderts. Mit dem Satz Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose (aus dem Gedicht Sacred Emily im Band Geography and Plays von 1913) prägte sie ihre eigene Stilfigur des Lithismus, einer Art der verbalen Tautologie. In Paris eröffnete sie einen Salon, der sich zu einem Zentrum der schriftstellerischen Avantgarde entwickelte. Sie gehörte der neuen revolutionären Generation an. Sie war jung genug, die Künstler zu verstehen, reif genug, um sie zu fördern und vermögend genug, um die Bilder zu kaufen. Und so kaufte sie viele Bilder der damals noch verkannten Genies: Cézanne, Monet, Renoir, Daumier, Gauguin. 1907 lernte Gertrude ihre Lebensgefährtin Alice B. Toklas kennen. 1909 veröffentlichte sie ihr erstes Buch Three Lives im Selbstverlag. Mit der Textsammlung Tender Buttons (1914) wandt sie sich verstärkt der experimentellen Literatur zu.
13. Zeit – bezeichnet die vom menschlichen Bewusstsein wahrgenommene Form der Ordnung des Auftretens von Ereignissen. Das menschliche Empfinden von Zeit ist von ihrem Vergehen geprägt, einem Phänomen, das sich bisher einer naturwissenschaftlichen Beschreibung entzieht und als Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend zur Zukunft hin wahrgenommen wird.
14. Gravitation – ist eine der vier Grundkräfte der Physik. Sie bezeichnet das Phänomen der gegenseitigen Anziehung von Massen. Sie ist die Ursache der irdischen Schwerkraft oder Erdanziehung, die die Erde auf Objekte ausübt.
15. Schwarze Löcher – Als Schwarzes Loch bezeichnet man ein astronomisches Objekt, welches aufgrund seiner hohen Dichte die Raumzeit so stark krümmt, dass von außen aus gesehen nichts in endlicher Zeit aus seiner inneren Region austreten kann. Die Grenze dieses Bereiches heißt Ereignishorizont.
16.Quader – Ein Quader ist ein dreidimensionaler Körper mit
sechs rechteckigen Flächen, dessen Winkel alle rechte Winkel sind,
acht rechtwinkeligen Ecken und zwölf Kanten, von denen jeweils vier gleiche
Längen besitzen und zueinander parallel sind.
Gegenüberliegende Flächen eines Quaders sind kongruent (deckungsgleich).
17.Stanley Kubrick – war ein US-amerikanischer Regisseur, Produzent und
Drehbuchautor. Seine Filme werden vor allem für ihre tiefe intellektuelle Symbolik
und ihre technische Perfektion gepriesen. Als Regisseur war er sowohl berühmt
wie berüchtigt dafür, jede Szene bis ins kleinste Detail zu perfektionieren und
dabei meist die Schauspieler bis an ihre psychischen und physischen Grenzen zu
führen. Die Hauptthemen seiner Filme sind die Unnahbarkeit der Realität und das
Scheitern der Menschlichkeit, ausgedrückt durch das einfache Akzeptieren, das
Ignorieren oder das Ringen der Protagonisten mit ihren dunklen, inneren Kräften
auch ihren Trieben.
18. kompliziert – Kompliziertheit kommt aus dem lat. complicare
„zusammenfalten“, „zusammenlegen“, „verwickeln“
19. Ehrgeiz- gemeint ist jedoch die mittelalterliche Bedeutung Gier, also „nach Ehre gieren“ und nicht etwa „mit Ehre geizen“) versteht man das mehr oder weniger starke Bemühen, ein bestimmtes Ziel zu erlangen, etwa Anerkennung, Autorität, Ruhm, Ehre oder Geld. Er zielt unter anderem auf eine Bewahrung oder Steigerung des Selbstwertgefühls in einer Gemeinschaft aus Wettbewerbern und steht in enger Beziehung zur eigenen Eitelkeit.
20. träufelt- tröpfeln, tropfen lassen
21. flexibel – lat. flectere biegen, beugen; hier heisst es : biegsam, anpassungsfähig
22. verbergen- verdecken, verstecken
23. T – ist der 20. Buchstabe des lateinischen Alphabets und ein Konsonant. Der Buchstabe T hat in deutschen Texten eine durchschnittliche Häufigkeit von 6,15 %. Er ist damit der siebthäufigste Buchstabe in deutschen Texten.
24. Gertrude – Gertrude Stein
25. Abstraktion – von abs-trahere – „abziehen, wegschleppen, -führen; entfernen, trennen“) bezeichnet meist allgemein einen Vorgangs des Weglassens von Einzelheiten und des Überführens auf etwas Allgemeineres oder Einfacheres.
26. Toasted Susie is my ice-cream – Wortkomposition aus dem Werk von Gertrude Stein
27. bizarr – absonderlich, eigenartig, eigenwillig, merkwürdig, seltsam, fantastisch, ausgefallen, befremdend, ungewöhnlich
28. Stümper – hier zum Gebrauch im Sinne von elend, jämmerlich
29. Baudrillard – Jean Baudrillard (* 20. Juli 1929 in Reims; † 6. März 2007 in Paris) war ein französischer Medientheoretiker, Philosoph und Soziologe. Er gilt als einflussreicher, aber auch umstrittener Vertreter des postmodernen Denkens. Baudrillard studierte Germanistik an der Sorbonne in Paris. Von 1958 bis 1966 war er Deutschlehrer , zugleich betätigte sich Baudrillard als Literaturkritiker und Übersetzer (Friedrich Hölderlin, Bertolt Brecht, Peter Weiss) und studierte Philosophie und Soziologie an der Universität Paris-Nanterre. 1968 promovierte er dort mit der Arbeit Le Système des Objets („Das System der Dinge“)
30. Meditation – (lat. meditatio = „das Nachdenken über“; auch in der Bedeutung „zur Mitte ausrichten“ von lat. medius = „die Mitte“) ist eine in vielen Religionen und Kulturen geübte grundlegende religiöse oder spirituelle Praxis. Durch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen soll sich der Geist beruhigen und sammeln.
31. Kosmos – Der Begriff Kosmos (griechisch κόσμος, kósmos – die (Welt)Ordnung, auch Schmuck, Anstand) bezeichnet: das Universum (den gesamten Weltraum)

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August 25, 2007

der ud-SPIEL-er

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Endlich ist der lange, graue Winter vorbei . Alles was mich jetzt noch daran erinnern könnte , sollte ich schnell wegpacken! Stiefel, Mützen, Mäntel .Dabei fiel mir mein langer Wintermantel wieder in die Hände, mein Lieblingsstück, bodenlang, verhüllend, warm … Schnell noch die weich ausgefütterte Kapuze einschlagen und weg damit…
Meine Finger streichen noch einmal über den Stoff, dunkles blaugrau. Blaugrau, blaugrau,blaugrau – da ist doch diese blaugraue Erinnerung ganz anderer Art.
Ja , das war doch nun schon einige Jahre her, als ein besonders langer und ungemütlicher Winter mein Konsumbedarf an Theater und Konzerten ins schier Unermessliche zu wachsen schien. Das graue Wetter schrie förmlich nach Kurzweil und so begleitete ich liebend gern ,eine Freundin in ein Theaterstück ; natürlich blieb es nicht aus, das wir anschließend in einem Kreuzberger Lokal landeten, um besagtem Schauspielerpaar zu helfen , das die Gage der Künstler und auch unsere Scheine sehr bald den Besitzer wechselten, und wir uns nach einigen Flaschen Rotwein drei Uhr morgens in der Wohnung besagter Schauspieler in überaus bester Stimmung halb vertrockneten Toast, saure Gurken und so etwas wie Käse wiederfanden . Mit viel Phantasie wollten wir das als ein sehr frühes Frühstück ansehen … Meine Freundin und ich warteten dann endlich , etwas fröstelnd ( weil übermüdet und weil Wohnungen von Künstlern meist wegen chronischen Geldmangels nicht beheizt wurden ) auf den ersten Bus, der vom Mehringdamm zum Zoologischen Garten fuhr. Untergehakt kicherten wir an der Bushaltestelle wie Schulmädchen , dem Busfahrer war die Situation offenbar nicht fremd und ließ uns zur Freude das Radio laut laufen…

 

Der Morgenhimmel über einer erwachenden Stadt ist auch an einem Februartag als bizarr romantisch zu bezeichnen… Es hatte etwas, als wir die Eisblumen von dem kalten Glas der beschlagenen Fensterscheibe weghauchten und draußen am tiefdunkelblauem Himmel erste rote Streifen der Sonne zu sehen war. Nebel ,oder vielleicht der erste Rauch der Kohleheizungen, jedenfalls zauberte die Kälte Märchengebilde in die Luft.
Zoologischer Garten, Busbahnhof… die einzige Möglichkeit zu damaliger Zeit so früh nach irgendwo zu kommen, hier setzten die ersten Busse ein. Meine Freundin trennte sich von mir, ihr Bus kam –ich musste warten .
Kalt ! Ich zog die Kapuze des besagten Mantels, den Freunde scherzhaft den Anna-Karenina-Mantel nannten , tief über mein Gesicht, die Hände vergrub ich in den Taschen, und um keine Wärme zu verlieren wäre ich fast bereit gewesen nicht mehr zu atmen- geschweige denn zu bewegen. Minus 20 Grad! Kein Taxi weil keinen Pfennig mehr in der Tasche… Mir blieb nur der Bus .
Die Nacht schaukelte in eine andere Dämmerung hinüber ( oder schaukelte ich wegen der Kälte oder des Weines… ) Das Licht genau so von dem wir sagen, das alle Katzen grau wären… und da sah ich auf der anderen Seite des Busbahnhofs die Silhouette eines Mannes. Niemand sonst auf der Strasse , nur wir zwei wartende Menschen. Die Ratschläge , was zu tun ist, wenn frau alleine nachts ( oder hier frühmorgens ) unterwegs ist, wurden blitzschnell in meinem Gehirn abgesucht. Das fehlte mir noch! Vielleicht ein Betrunkener oder wer weiß wer… Am besten so tun als ob nicht bemerken, mit dem Rücken zu ihm stehen , keine Möglichkeit geben…
So stand ich nun da, überaus reges Interesse an dem Busfahrplan vortäuschend und betete, das der blöde Bus doch endlich käme! „ Warten Sie auch auf den Bus?“ Ich zog die Kapuze noch tiefer und schnaufte ein wenig unwillig zurück .
„ Ja sicher, deshalb stehe ich an der Haltestelle…“. Aus dem Augenwinkeln erspähte ich einen Instrumentenkasten. Ah ! Etwas Vertrautes! Instrumente heißen für mich so etwas wie Heimat, Musiker sind besondere Menschen. Ein Künstler also. Auch so ein verspäteter Nachtfalter. Also kein plumpes Annähern. Gut. Keine Angst. Trotzdem , ich war nicht zum Reden mit einem Fremden bereit.
„Sie sind auf der falschen Seite, ich denke Sie sollten lieber wieder zurückgehen…“ „ Nein ich nicht wollen schöne Madame hier in kalte Tag alleine stehen…“

 

Dieses gebrochene Deutsch machte neugierig und schaute auf und in das Gesicht des Mannes. Wäre ich nicht schon vor Kälte erstarrt gewesen, jetzt wäre ich es sicher vor Überraschung! Ein Gesicht wie gemeißelt, mich blickten zwei blaue Augen an, so eine Farbe habe ich noch nie vorher gesehen ; heute weiß ich das man diese Farbe türkisch cakir nennt, und es eine besondere Bewandtnis mit diesem Blau hat. Dieses Blau! Nun sah dieser Mensch ganz offen und so leuchtend in mein Gesicht, gar nicht müde oder übernächtigt…Frisch , mit einem sehr hübschen Lächeln dazu-

 

Meine Neugier, die mein Segen und mein Fluch sein kann, nahm überhand und ich fragte zurück. Binnen einer Minute konnte ich in Erfahrung bringen, das er UD-Spieler sei, das er in Restaurants die Leute mit traditioneller Musik verzauberte, daß er von einer Arbeit käme und nun …. und da kam mein Bus. Schnell beim Einsteigen rief er mir noch den Namen des Restaurants hinterher, mehrmals wiederholend, fast beschwörend , komm am nächsten Sonntag mal dorthin, ich lade dich zum Essen ein und spiele für dich…Die Bustür schloß sich, ein Blick durchs Rückfenster…Dort stand der Mann, den Instrumentenkasten umfaßt wie als wolle er eine Frau umarmen ; plötzlich kniete er sich mit einem Bein auf die Strasse nieder , eine Pose wie als würde ein Troubadour seiner Liebsten die Aufwartung machen… das Gesicht malte mit Augen und Lippen Bilder, die ich so deuten konnte , ich solle doch ins Restaurant kommen… Ich wollte laut loslachen, aber es hatte etwas sehr Rührendes , wie er da in der Kälte mitten auf der Strasse sein Instrument umklammernd mich davonfahren sah.

 

Und da bog der Bus in die Kantstrasse ein , ich war gerettet! Gerettet, wie das klingt. Nun ja , irgendwie schon, vor der Kälte, vor einem längeren Gespräch, vor der befremdlichen Nähe eines überschwenglichen Mannes. Was war das? Habe ich geträumt, bin ich nur so übernächtigt? Ist das wirklich geschehen?
Vielleicht sollte ich mich ausschlafen…
Jeden Tag darauf stieg ich am Busbahnhof aus, und ob ich wollte oder nicht , ich musste schmunzeln und an diesen UD-Spieler denken. Ach was soll es , sagte ich mir selbst- warum nicht die nette Einladung annehmen, es ist ja ein Restaurant, was soll da passieren…
Also stand ich Sonntag am Eingang des damals recht kleinen türkischen Restaurant in einer Seitenstrasse des Ku’damms und
war so zwiegespalten , richtig-falsch, falsch-richtig, als mich die zwei blauen Augen freudestrahlend anschauten. „Danke , Du da bist, dort der beste, gute Tisch für Dich, ich spielen jetzt und Du essen , später essen weiter zusammen, gut ? Du alles bestellen, , ich essen auch das was Du lieben …“ Der Tisch wurde gedeckt, Köstlichkeiten , die ich noch nicht kannte, duftende Speisen mit blumigen Namen ; die melancholische Musik der UD im Hintergrund, dieses Schwingen der Saiten auf dem dunklenhölzernen Korpus, der Spieler schloß die Augen, um ganz zu verschmelzen mit den Klängen, doch wenn er die Lider hob , dann fixierten mich diese blauen Augen mit einer Intensität, das ich nicht wußte, wohin schauen. Es war mir etwas schwindelig . Alles zusammen war wie aus einem Kitschfilm zusammengeschmolzen; schwarzgelockte Kellner, bitte Madame, ist es so recht, noch ein Glas, aber bitte gern, der schmachtenden Blick des Musikers, die Klänge, die nur dazu gemacht schienen, Frauenherzen zu brechen, die völlige Unwirklichkeit nahm von mir Besitz , Leichtigkeit breitete sich um mich herum aus, der Kopf war frei …
Ja, denk nicht so viel, freue Dich, dieses merkwürdige , fast surrealistische Treffen in der Kälte findet hier im Restaurant einen wohligen , freundlichen Abschluss. Warum nicht? Nach dem Konzert, welches sich mit Pausen über 3 Stunden hinzog , und mir in dieser Zeit einen Appetit abnötigte, der mich an das Tafeln von Fürsten erinnerte, mit meinem charmanten radebrechenden Tischnachbarn, der sich nun endlich zu mir setzen konnte, waren alle Vorbehalte verflogen und ich freute mich sehr, diesen Mann getroffen zu haben ,welcher doch eine recht nette und dazu noch außergewöhnlich interessante Erscheinung war. Es war spät, es war schon nach Mitternacht, langsam war Zeit zu gehen. Trotz des so harmonischen Abends machte sich die erste Unsicherheit in meiner Magengrube bemerkbar… Der Mann stand auf , und verbeugte sich „ Ich hole mein Instrument und kläre meine Sachen mit dem Wirt und dann gehen wir, ja? „ Ja, das war mir recht, wollte mich gern noch revanchieren für dieses köstliche Essen, für die Einladung und die Musik- vielleicht noch mit einem Kaffee irgendwo , oder einem Cocktail…

 

Ich wartete am Tisch. Ich wartete 10 Minuten, wartete 20 Minuten , wartete 30 Minuten. Unerträglich… Der Wirt saß noch mit Stammgästen und schwatzte. Ich wurde ungeduldig. Es war spät, ich war müde, ich saß schon lange genug… Ein Herz fassend sprach ich den Wirt an, wo denn der UD- Spieler
sei… erstaunt sah er mich an- der sei doch schon längst gegangen, hinten durch die Küche. Ach so! Ich schlug die Augen nieder, ich mochte dem Wirt nicht unbedingt zeigen, das ich sehr gekränkt war. „Nun dann gehe ich jetzt auch“ , schlüpfte in meine Mantel und wollte mich verabschieden. Und was denn mit der Rechnung sei, fragte er mich. „Aber ich war doch eingeladen worden von ihrem Musiker! „ Eingeladen von cakir Ergün ?“ Er begann zu lachen , kein böses Lachen, sondern eher wissend, fast väterlich erklärte er mir, das der UD-Spieler ihn schon seit Wochen in den Ohren liegen würde, weil er doch gerne hier musizieren würde, er müsse doch mal endlich Geld verdienen… Darauf hin hätte er , der Wirt ihm zum Scherz gesagt, wenn er doch wenigstens mal EINEN guten Gast brächte , dann ließe er ihn einmal spielen. Heute musste ich mein Versprechen einlösen, sagte der Wirt : er hat einen guten Gast gebracht, die Dame, die zu speisen wußte…
Aber wie der Wirt an meinem bestürzten Gesichtsausdruck ablesen konnte, war ich die Einzige, die von dieser Vereinbarung nichts wußte. „ Nun , Madame, trinken wir einen Raki und dann gehen Sie nach Hause, alles andere vergessen Sie ganz schnell- auch die Rechnung…“ Natürlich könne ich meine Rechnung begleichen, das wäre nicht das Problem, ich wäre einfach nur verletzt. Der Wirt küsste meine Hand , fast als wolle er sich für alles entschuldigen, nein, es wäre alles erledigt für ihn, keine Sorge…Ehrenschulden eines vermeintlichen Kavaliers , der plötzlich verschwand, so etwas wäre ihm auch noch nicht vorgekommen…
Und er blieb wie vom Erdboden verschwunden, dieser UD- Spieler, niemals mehr danach gab es kalte Wintermorgen wie dieser, niemals mehr konnte ich das Restaurant betreten, ich war nie wieder in meinem Leben so irritiert .

 

Aber etwas merkwürdiges war geschehen. Ich konnte diesen Mann nicht vergessen. Ich war verliebt ! Er hat gemacht, das ich mich verliebte . Nein, nein, nicht in ihn . Auch nicht in diese unglaublichen Augen- in die UD habe ich mich verliebt. Diese melodischen, klagenden Laute, dieses weiche Timbre der Musik. Dieser nebulös verschwundene Musiker ist schuld, das ich abends in der Dämmerung diese Musik höre. Eine Liebe für mein Leben. Die UD hat meine Sehnsucht entfacht nach dem Goldenen Horn. Wie könnte ich cakir Ergün böse sein.
Auch jetzt, wenn ich meinen graublauen Wintermantel verpacke, vibrieren die Töne durch die Räume.

der BÜCHER-verkäufer

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Ich wollte schon immer wissen, wohin die Wörter gehen, wenn sie geschrieben und abgeheftet, eingetütet und abgeschickt , im schlimmsten Falle zurückgeschickt , und dann in Schubladen überdauern. Wo sind sie?
Meine kindlichen Phantasien gingen soweit, das ich abends im Bett liegend, Zwiesprache hielt mit diesen Gefangenen in der alten Schreibtischlade . Ich befreite sie aus dem hölzernen Verlies und siehe da; diese Freiheit schien ihnen gut zu bekommen. Sie fochten kleine Kämpfe an meiner Seite aus, ließen Schneeweißchen und Rosenrot , Kalif Storch , das Katerlieschen oder Nasreddin auferstehen und fanden sogar noch die Kraft Widerworte zu erfinden gegen meine Mutter, die verzweifelt versuchte , die Nacht zum Schlafen zu nützen…
Und dann-endlich ! Schulanfang. Da sind die Wörter ! Ich hatte sie entdeckt an einem schwarzen Brett. Eine schwarze Schiefertafel… Ein schwarzes Brett, das wußte ich , ist nur für wichtige Dinge vorbehalten. Hier ist der Ort, der mein Rätsel löst. Meine Freunde waren wie durch ein Wunder aus ihrem Versteck befreit ; sie spazierten über leeres Papier und waren sogar bereit, sich zwischen kleinen roten und blauen Zeilen einzuzwängen ( aberwitzige gab es trotzdem und die wurden vom Rotstift der Lehrerin bestimmt aber liebevoll gemaßregelt… )
Meine Wörter! Mama hatte keine Chance mehr . Meine Wörter – sie waren frei! Wie ich .
Überall konnte ich sie mit hinnehmen , sie schaukelten gern auf meinen Knien, wenn der Bus mich zur Schule fuhr. Ihr neues Zuhause, meine Fibel…

Wo sind die Wörter hingegangen, mit denen ich streiten konnte, mich wieder versöhnte, ihnen zustimmte , sie ablehnte, sie nicht verstand oder mich auch in ihren Wohlklang verliebte. Wörter, die allein durch ihre Lautmalerei mich mit allem versöhnten, was unverständlich blieb.

Mein erstes Buch, ABC…
Hier sollte ich meine Suche beginnen, hier und bei seinen Geschwistern, den Tausenden anderen Büchern.
Wie ich herausgefunden hatte, sind meine kleinen Freunde von damals schon immer Vagabunden gewesen, das hatte es mir erschwert , auf die Suche zu gehen. Alles wegschließen, einsperren, verfremden oder verstecken hat sie nicht davon abbringen können, Grenzen zu überschreiten. Damals wußte ich noch nicht, das meine Freiheit auch ihre Freiheit bedeutete.

Jetzt , wenn ich mich erinnere, habe ich sie teilweise sogar genötigt von mir wegzugehen. Mein erster Liebesbrief, er kam nie mehr zurück … er wäre auch ohne Sinn geblieben in meinen Händen , hätte die Wörter nie wieder verwenden können.
Oder auch die harschen Worte auf dem Zettel in der Küche mit der Aufforderung , das Leben doch endlich in Ordnung zu bringen…

Ja, damals haben sich die Wörter vorwitzig und unbedacht, überschwenglich und selbstverliebt in meinem Bleistift hineingeschlichen …

Nun aber , wenn ich den kleinen Vagabunden nachreisen konnte in ihre andere Welten, beschlich mich ein wenig Furcht, ob sie mich noch erkennen und ob ich sie wiederfinden könnte, dort in der Fremde, unter anderem Namen .
Mit der Phantasie eines Kindes vielleicht, aber jetzt?

Eins- zwei- drei- vier-Eckstein., wer kennt ihn nicht , den Kindervers , zum Auszählen, zum Verzögern der Zeit , wenn man jemanden suchen sollte. Versteck spielen.
Zuerst sucht man in allen herkömmlichen Nischen, Ecken und Winkel., sie sind vertraut. Ganz selten begann man mit der Suche an den unmöglichsten Plätzen…
Aber meine Wörter? Sie sind , das wußte ich, nicht die einfachsten unter meinen Freunden. In kluger Weise haben sie sich in den quirrligen Zwischentönen aller Sprachen versteckt.
Und dann?
Also sollte ich mich an sie heranpirschen, sie beobachten, ihre neue Ausdrucksweise lernen, sie neu entdecken. Gleichwohl wie sie verändert erscheinen, sie sind doch meine Kindheit, die mir nicht abhanden kommen darf!
Und ich hatte Hilfe auf der Suche nach ihnen; ausgerechnet von den Wörter-Büchern, die je wie man es auslegen mag, Freund oder Feind der Wörter sein konnten.

Diese Allianz hat mich in fremde Länder verschlagen, und dort habe ich einige meiner alten Freunde wiederentdecken können libra, book, kniga, hon, journal, gazjeta …
Doch meine wichtigste Erkenntnis, die tiefste Entdeckung bescherte mir ein alter Mann , ein alter Bücherverkäufer auf einem Markt .
Beim Hinabbeugen zu ihm zogen in Höhen und Tiefen das Stimmgewirr an meinem Ohr vorbei; das Geräusch klappernder Schritte untermalte das Rascheln suchender Hände in alten Kartons. Es schien, als wollten sich alle Töne in diesem einen Moment selbst überbieten, wie die Radiosender, die im schnellen Auf und Ab des Senderknopfes zu etwas Ungeordnetem werden- und sich trotzdem ausbalancieren. Dieses Geschwirr machte mich fast glauben taub zu sein. Die Worte des Mannes erreichten mich nicht mehr, ich sah nur seine Augen, und der Luftzug der mich beim Hinabbeugen streifte , legte sich wie ein unsichtbarer Film auf sein Gesicht.
Er lächelte mich an und mir schien, als wolle er die Zeit meiner langjährigen Suche einfach hinwegwischen mit der Geste, doch hier an seiner Seite Platz zu nehmen.
Schwungvoll schob er mir über die alten Holzplanken Bücher entgegen, halbaufgelöste Bündel von Papieren, Geschriebenes, Gewesenes, Wörter. Alt wie dieser Mann und älter! Plötzlich wird dieser Händler für mich durchsichtig, transparent, durchschaubar, denn er offenbarte mir mit seinen Erinnerungen eigentlich mein Leben !
Behutsam strich er über die alten Schriftzeichen, zärtlich wendete er die Seiten und versuchte mir zu erklären, das heutzutage so etwas kaum noch jemand lesen könne , gerade die Jüngeren, die sich mit den Abkürzungen in der Sprache ihre eigenen Barrieren bauen, sie verstünden dies nicht mehr, selbst nicht das gesprochene Wort…
Woran erinnerte mich dieser Bücherhändler? So nahe und vertraut scheint er mir , wie er mit einfachen Worten versucht, die komplizierten Schriftzeichen zu erklären. Fast wie ein Museumsführer gestikulierte er mit den Fingern in der Luft, Zuschauer scharrten sich um uns – wir waren eine willkommene Belustigung , der alte Mann und die junge Fremde…und ich fühlte mich fast wie inmitten einer Skulpturengalerie, und meine Neugier ließ mich versteinern.
Ich fühlte mich so unkundig, so zurückgewiesen, so verloren in den einfachen Worten des Mannes , in denen sich Alles spiegelte, was eine Kultur und sein Wissen ausmachte. Die Bücher, die er mir entgegenstreckte, diese alten papiernen Dokumente vergangener Zeit, von Insekten von der ersten bis zur letzten Seite durchlöchert, von der Gerbsäure und der feuchten Sommerluft mit braunen, unansehnlichen Rändern zu bizzaren Landkarten nichtexistierender Kontinente gekennzeichnet – diese Bücher bestanden noch aus jenen Substanzen von Material und Ideelem , die mit den Menschenwörtern verwoben schienen; weil sie so unmittelbar aus der Vergangenheit kommend mich in dieser Gegenwart überwältigten. Fast kam es mir einer Indiskretion gleich, das Berühren dieser Seiten, dieser Worte, es schien mir wie ein Offenlegen alter Akten an deren Inhalt sich niemand so recht heranwagen will, hat sich doch schon diese oder jene Wahrheit über die Angelegenheit gelegt…
Und da waren sie, die Wörter! Versteckt in einem Bild, in einem in sich verschlungenem
Schriftzeichen, in einer alten ausgeblichenen Holzschnitt-Illustration. Sie sind mit der schwarzen Tusche in das weiche Papier gesunken, haben die Zeiten überdauert in den Zwischentönen einer anderen Sprache!

Der alte Mann lebt heute nicht mehr, doch er ist immer für mich gegenwärtig . Sein gestikulierendes Gespräch hatte mir die Tür zu meiner Kindheit geöffnet, hat die hölzernen Schreibtischschubladen in meiner Erinnerung wieder geöffnet , hat das was am Verglimmen schien wieder entfacht. Das was am eigenen Widerschein verfremdet schien, hatte wieder einen Klang und ein Gesicht erhalten. Wörter. Ich habe sie wieder gefunden. In der Stille, im Lauten.
Sie sind die verstreuten Erinnerungen, sind innere Markierungspunkte , sind doppeltbelichtete Fotos und Heimat für den Heimatlosen. Die Wörter , meine vagabundierenden Freunde der Kindheit , zu suchen schien aussichtslos ; Auf der Suche nach ihnen bin ich mitunter im Niemandsland ankommen. Aber auch das ist gut so, denke ich . So treffend das Gedicht, welches der alte Bücherverkäufer mir zu übersetzen versuchte :
Der Mensch ist ein Wanderer, auch ich bin ein Wanderer . Der Frühling vergeht.
Ich wollte schon immer wissen, wohin die Wörter gehen. Sie sind überall. Sie sind frei. So wie ich .

Und ich bin mir ganz sicher, das jeder seine Wörter wiederfinden kann.
Alte Bücherverkäufer gibt es überall.

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