Silkandpaper

September 8, 2007

die legende von romeo und julia – oder, wie schwer es romeo hat, wenn julia virtuell unterwegs ist…

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Mein Name ist Julia. Ja – wirklich … bitte glaubt mir,
ich heisse wirklich so, allerdings ist das mein zweiter Vorname, der so lange wie ich mich erinnere allen Frauen in unserer Familie gegeben wurde, zurück bis ins 17. Jahrhundert …Shakespeare wurde schon im 16. Jahrhundert mit dem größten Liebesdrama aller Zeiten berühmt, ich schätze mal, das spätestens da in unserer Familie der Hang zum Theatralischen geweckt wurde- zumindest was die Namensgebung unserer schwarzhaarigen Schönen anbelangte, griffen die Väter meiner Familie gern in die historische Kiste mit Namen aus Übersee, wir können dankbar sein , das ihnen nicht der Name Pygmalion in den Sinn kam, sondern das schöne , schlichte Julchen…. In veränderter Form mal als Juliane, Juliana, Juliette, Jule, Julie und eben Julia schmückt es unsere Ahnentafel und immer, wenn sich weiblicher Nachwuchs einstellte war klar, das ist und wird eine Julia sein. Wie in jeder Familie gibt es dann so kleine Legenden um diese oder jene Julia, die einzige lebende Legende , die ich kannte war meine Omi . Ich war so stolz, das ich ihren Namen tragen durfte…ich konnte zwar nicht mit der äusserlichen Schönheit meiner Oma aufwarten, aber dafür hatte ich ja meinen anderen Vornamen und sogar einen Dritten… Echt- so steht es in meinem Pass, den ich gerade gestern abholen konnte. Mit neuem Passbild, biometrisch vermessen… Ich habe zwar einen Heidenschreck bekommen, weil ich mich selbst nicht wiedererkannt habe, ich hoffe nur, das der türkische Kontrolleur am Flughafen in Antalya mir nicht einen Stempel neben das Visum hineindrückt, mit der Aufschrift „absolut nicht askimtauglich…“
Schrecklich, was ein Fotograf aus einem Gesicht so alles machen kann… nun ja wie gesagt, dann gehe ich eben in Antalya nicht als Julia an den Start sondern als Maria, die Heilige- macht sich eh besser…

Diese biometrischen Veränderungen, die einem da so verpasst werden sind zwar nicht besonders schick für eine Frau von meinem Format, aber ich kann schon dankbar sein, das das Einreise -und Passwesen auf dem Bürgeramt in Berlin im nachherein nicht von mir verlangt hat, mich einer Gesichts-OP zu unterziehen, damit ich dem Foto ähnlicher sähe…
Ich bin zudem heilfroh, das ich diese dumme Doppelgesichtigkeit Passfoto-Realität mit einem gesunden Mass an Selbstbewusstsein und dem Hang zum intellektuellen Um-die –Ecke-Denken zu vertuschen weiss. Als Frau muss man das heutzutage können. Da muss man nicht Julia heissen und 15 sein… Es ist ja nicht nur, das da ein Foto meine Person sichtbar verunstaltet, es ist ja eigentlich sogar nicht mein richtiges Gesicht, welches der Fotograf da abgelichtet hat. Unter einer Schicht Maquillage, die mir freundlicherweise eine französische Firma gegen eine hohe Schutzgebühr überlassen hatte, konnte ich meine Persönlichkeit und das wahre Alter perfekt tarnen. Das da die CIA noch nicht daraufgekommen ist !!!!das besonders die Damen ja ständig inkognito reisen….

Jetzt bin ich aber abgeschweift von meiner Familiengeschichte und dem Bedürfnis, den Ahnennamen einer besagten Julia aus dem 17. Jahrhundert weiterzureichen.
Wir kennen das ja auch aus anderen Familien, wo plötzlich Maximilians, Oskars, Ottos , Marthas und ähnliche Namensverwandte wie Pilze aus dem Boden schossen, schon interessant, das extra dafür Kinder auf die Welt kommen dürfen , damit weiterhin die wundervollen Namen unserer Vorfahren lebendig in diesem Sprachraum erhalten bleiben.

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Mein erster Vorname ist echt bescheuert, deshalb will ich den auch gar nicht hier zum Besten geben, denn die Kinder haben in Anlehnung an diesen immer Scherzlieder gemacht- was ich heute nicht ganz nachvollziehen kann, denn eine ganz nette amerikanische Hollywood-Diva trägt denselben Namen und die wurde nie ausgelacht- ihr hat man sogar den Oscar verliehen, mehrmals.
Aber ich bin ja nicht neidisch. Nachdem gestern von einem guten freund ein Fanclub für mich anvisiert wurde, bewege ich mich sozusagen in den Fußstapfen besagter Hollywood-Schönen, nun sagen wir nicht gerade für den Oscar, aber immerhin den Pulitzerpreis …
Mir macht nur etwas echt zu schaffen. Was mache ich denn bloss, wenn das Komitee des Preises wegen zu mir nach Hause kommt … Wer soll da die Tür öffnen? Julia, Maria oder die erste Dame des Hauses ? Oh je, nein! Ich muss ja als MAR präsent sein, denn unter diesem Namen habe ich so manches literarische Werk veröffentlicht … So ein Mist, die hatte ich ja fast vergessen!
So etwas kann ich meiner Omi doch nicht antun, das ich den guten alten Familiennamen ausgerechnet dann leugne, wenn es zur Preisverleihung gehen soll… Also muss ich doch wieder die gute , vertraute Julia sein, die dezent geschminkt mit natürlichem Charme in Anlehnung an die historische Julia die Wohnungstür öffnet, um die wichtigen Gäste hereinzubitten .
Aber das zweite Dilemma folgt auf dem Fuss. Ich muss ja . um einen Literaturpreis zu erhalten, vorab Arbeiten einreichen. Der Segen der Technik macht es mir leicht- ich verlinke einfach meine Arbeiten im Brief und sende diesen per e-mail ab. Alles ist so einfach- dachte ich jedenfalls. Aber keiner weiss, wer ich bin! Dieser Preis wird an weibliche Autoren vergeben. Das macht sich gut, denn auch Preisrichter müssen die Frauenquote in unserer Gesellschaft einhalten können. Ja, da bin ich ja richtig. Ich bin ja durch und durch eine Frau. Mein Name bürgt für Qualität. Julia, wie ein Schmelz liegt das auf der Zunge; Julia, das Pseudonym für die Frau und die Liebe an sich ( denkt mal an die Groschenromane! ) – immer auf der Suche nach ihren Romeo , keine andere Tragödie ist so populär wie diese… so aktuell. Wo ist aber mein Romeo abgeblieben? Ich bin hier ganz alleine in meiner Wohnung, und dieses männliche Pendant an meiner Seite, welches meine julianische Weiblichkeit durchaus nach aussen hin sichtbar machen könnte, hat sich noch nicht mit MAR anfreunden können. Ich brauche Euch, liebe Forumfreunde…. ich brauche Euch ganz dringend!
Ist hier irgendjemand da, der mich kennt? Jemand der garantiert weiss, das Julia / MAR tatsächlich existiert. Meldet Euch!!!
Leute-ich sitze in der Klemme…. Auf den Literatur- Preis könnte ich notfalls verzichten , aber wie fatal wäre es , wenn Julia ihren Romeo nicht finden könnte, weil er gar nicht weiss, das MAR tatsächlich eine FRAU ist…

August 27, 2007

Die große Liebe

Gespeichert unter: going underGROUND, legENDEn von romeo und julia — silkandpaper @ 10:12

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Letzte Woche in der U-Bahn. Eine Kindergartengruppe von 5- 6 Jährigen nahm den ganzen Waggon in Beschlag. Schnatternd und lärmend erzählten sich die Kinder über Sitzbänke hinweg die Erlebnisse ihres Ausfluges. Sie waren im Zoo und nun ging es wieder zurück zum Kindergarten, irgendwo mitten in Kreuzberg, in den Dschungel alter Gründerzeitbauten, dichtbesiedelter Stadtteile und lärmender Strassenzüge …Neben mir auf der Dreierbank saß rechterhand eine junge Frau und linkerhand quetschten sich noch schnell zwei Kinder mit bunten Rucksäcken auf den verbliebenen Platz… so kleine Menschen passen da gerade noch rein! Trotzdem „hingen“ beide, der kleine Junge und das kleine Mädchen , irgendwie nur halb auf dem Sitz. Die Rucksäcke beider Kinder und die Enge auf der Sitzbank verhinderte ein gemütliches Anlehnen ….obwohl die junge Frau und ich etwas enger zusammenrückten , damit für uns alle Platz wurde. Trotzdem rutschte das kleine Mädchen ständig auf dem glatten Plastikbezug des Sitzes nach vorn und konnte sich als ein Leichtgewicht sich nicht so richtig am Sitz festhalten und versuchte irgendwie wieder nach hinten zu rutschen. Während der Fahrt plauderten die beiden Dreikäsehochs und immer, wenn die Kleine nach vorn rutschte , versuchte der Junge sie festzuhalten und wieder vorsichtig und liebevoll auf den Sitz zurückzuziehen, damit sie nicht beim Anfahren und Stoppen der U-Bahn runter auf den Gang fallen konnte. Vier Haltestellen später, beim intensiven Plaudern über den leckersten Lolly und das lustigste Tier im Zoo, über den Ärger mit der kleinen Schwester und den Zwilligsbruder wurde das Mädchen müde und lehnte sich mit ihrem Kopf auf die Schulter des Jungen. Aus dem Augenwinkel betrachtete ich die beiden amüsiert. Die Gespräche der Beiden klangen so vertraut; das ich gar nicht anders konnte, als die beiden zu belauschen. Der U-Bahn – Zug ruckelte wieder an. Wieder rutschte das Mädchen nach vorn, wieder zog der Junge sie zurück auf den Sitz, wieder versuchte das Mädchen sich an seiner Schulter auszuruhen aber besann sich dann doch eines Besseren und legte ihren Rucksack auf seinen Schoß und darauf ihren Kopf . Behutsam beugte sich der Junge zu ihr runter und sagte leise zu ihr: das geht aber nicht, das ist nicht gut so… Warum, flüsterte sie zurück. Wieder beugte er sich hinunter und sagte noch leiser: mach das lieber nicht , dann weiß doch jeder, das ich dich liebe…

PS : Die U-Bahn hielt, die Kinder stiegen aus . Leute stiegen ein …In einer Ecke stand nun ein Pärchen, das sich wild knutschte und und der Mann die Hände gar nicht bei sich halten konnte. Ich musste leise lachen…Der 6-Jährige war wirklich der Klügere von beiden! Die große Liebe ist unsichtbar und die posaunt man eben nicht einfach so aus….

August 25, 2007

der ud-SPIEL-er

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Endlich ist der lange, graue Winter vorbei . Alles was mich jetzt noch daran erinnern könnte , sollte ich schnell wegpacken! Stiefel, Mützen, Mäntel .Dabei fiel mir mein langer Wintermantel wieder in die Hände, mein Lieblingsstück, bodenlang, verhüllend, warm … Schnell noch die weich ausgefütterte Kapuze einschlagen und weg damit…
Meine Finger streichen noch einmal über den Stoff, dunkles blaugrau. Blaugrau, blaugrau,blaugrau – da ist doch diese blaugraue Erinnerung ganz anderer Art.
Ja , das war doch nun schon einige Jahre her, als ein besonders langer und ungemütlicher Winter mein Konsumbedarf an Theater und Konzerten ins schier Unermessliche zu wachsen schien. Das graue Wetter schrie förmlich nach Kurzweil und so begleitete ich liebend gern ,eine Freundin in ein Theaterstück ; natürlich blieb es nicht aus, das wir anschließend in einem Kreuzberger Lokal landeten, um besagtem Schauspielerpaar zu helfen , das die Gage der Künstler und auch unsere Scheine sehr bald den Besitzer wechselten, und wir uns nach einigen Flaschen Rotwein drei Uhr morgens in der Wohnung besagter Schauspieler in überaus bester Stimmung halb vertrockneten Toast, saure Gurken und so etwas wie Käse wiederfanden . Mit viel Phantasie wollten wir das als ein sehr frühes Frühstück ansehen … Meine Freundin und ich warteten dann endlich , etwas fröstelnd ( weil übermüdet und weil Wohnungen von Künstlern meist wegen chronischen Geldmangels nicht beheizt wurden ) auf den ersten Bus, der vom Mehringdamm zum Zoologischen Garten fuhr. Untergehakt kicherten wir an der Bushaltestelle wie Schulmädchen , dem Busfahrer war die Situation offenbar nicht fremd und ließ uns zur Freude das Radio laut laufen…

 

Der Morgenhimmel über einer erwachenden Stadt ist auch an einem Februartag als bizarr romantisch zu bezeichnen… Es hatte etwas, als wir die Eisblumen von dem kalten Glas der beschlagenen Fensterscheibe weghauchten und draußen am tiefdunkelblauem Himmel erste rote Streifen der Sonne zu sehen war. Nebel ,oder vielleicht der erste Rauch der Kohleheizungen, jedenfalls zauberte die Kälte Märchengebilde in die Luft.
Zoologischer Garten, Busbahnhof… die einzige Möglichkeit zu damaliger Zeit so früh nach irgendwo zu kommen, hier setzten die ersten Busse ein. Meine Freundin trennte sich von mir, ihr Bus kam –ich musste warten .
Kalt ! Ich zog die Kapuze des besagten Mantels, den Freunde scherzhaft den Anna-Karenina-Mantel nannten , tief über mein Gesicht, die Hände vergrub ich in den Taschen, und um keine Wärme zu verlieren wäre ich fast bereit gewesen nicht mehr zu atmen- geschweige denn zu bewegen. Minus 20 Grad! Kein Taxi weil keinen Pfennig mehr in der Tasche… Mir blieb nur der Bus .
Die Nacht schaukelte in eine andere Dämmerung hinüber ( oder schaukelte ich wegen der Kälte oder des Weines… ) Das Licht genau so von dem wir sagen, das alle Katzen grau wären… und da sah ich auf der anderen Seite des Busbahnhofs die Silhouette eines Mannes. Niemand sonst auf der Strasse , nur wir zwei wartende Menschen. Die Ratschläge , was zu tun ist, wenn frau alleine nachts ( oder hier frühmorgens ) unterwegs ist, wurden blitzschnell in meinem Gehirn abgesucht. Das fehlte mir noch! Vielleicht ein Betrunkener oder wer weiß wer… Am besten so tun als ob nicht bemerken, mit dem Rücken zu ihm stehen , keine Möglichkeit geben…
So stand ich nun da, überaus reges Interesse an dem Busfahrplan vortäuschend und betete, das der blöde Bus doch endlich käme! „ Warten Sie auch auf den Bus?“ Ich zog die Kapuze noch tiefer und schnaufte ein wenig unwillig zurück .
„ Ja sicher, deshalb stehe ich an der Haltestelle…“. Aus dem Augenwinkeln erspähte ich einen Instrumentenkasten. Ah ! Etwas Vertrautes! Instrumente heißen für mich so etwas wie Heimat, Musiker sind besondere Menschen. Ein Künstler also. Auch so ein verspäteter Nachtfalter. Also kein plumpes Annähern. Gut. Keine Angst. Trotzdem , ich war nicht zum Reden mit einem Fremden bereit.
„Sie sind auf der falschen Seite, ich denke Sie sollten lieber wieder zurückgehen…“ „ Nein ich nicht wollen schöne Madame hier in kalte Tag alleine stehen…“

 

Dieses gebrochene Deutsch machte neugierig und schaute auf und in das Gesicht des Mannes. Wäre ich nicht schon vor Kälte erstarrt gewesen, jetzt wäre ich es sicher vor Überraschung! Ein Gesicht wie gemeißelt, mich blickten zwei blaue Augen an, so eine Farbe habe ich noch nie vorher gesehen ; heute weiß ich das man diese Farbe türkisch cakir nennt, und es eine besondere Bewandtnis mit diesem Blau hat. Dieses Blau! Nun sah dieser Mensch ganz offen und so leuchtend in mein Gesicht, gar nicht müde oder übernächtigt…Frisch , mit einem sehr hübschen Lächeln dazu-

 

Meine Neugier, die mein Segen und mein Fluch sein kann, nahm überhand und ich fragte zurück. Binnen einer Minute konnte ich in Erfahrung bringen, das er UD-Spieler sei, das er in Restaurants die Leute mit traditioneller Musik verzauberte, daß er von einer Arbeit käme und nun …. und da kam mein Bus. Schnell beim Einsteigen rief er mir noch den Namen des Restaurants hinterher, mehrmals wiederholend, fast beschwörend , komm am nächsten Sonntag mal dorthin, ich lade dich zum Essen ein und spiele für dich…Die Bustür schloß sich, ein Blick durchs Rückfenster…Dort stand der Mann, den Instrumentenkasten umfaßt wie als wolle er eine Frau umarmen ; plötzlich kniete er sich mit einem Bein auf die Strasse nieder , eine Pose wie als würde ein Troubadour seiner Liebsten die Aufwartung machen… das Gesicht malte mit Augen und Lippen Bilder, die ich so deuten konnte , ich solle doch ins Restaurant kommen… Ich wollte laut loslachen, aber es hatte etwas sehr Rührendes , wie er da in der Kälte mitten auf der Strasse sein Instrument umklammernd mich davonfahren sah.

 

Und da bog der Bus in die Kantstrasse ein , ich war gerettet! Gerettet, wie das klingt. Nun ja , irgendwie schon, vor der Kälte, vor einem längeren Gespräch, vor der befremdlichen Nähe eines überschwenglichen Mannes. Was war das? Habe ich geträumt, bin ich nur so übernächtigt? Ist das wirklich geschehen?
Vielleicht sollte ich mich ausschlafen…
Jeden Tag darauf stieg ich am Busbahnhof aus, und ob ich wollte oder nicht , ich musste schmunzeln und an diesen UD-Spieler denken. Ach was soll es , sagte ich mir selbst- warum nicht die nette Einladung annehmen, es ist ja ein Restaurant, was soll da passieren…
Also stand ich Sonntag am Eingang des damals recht kleinen türkischen Restaurant in einer Seitenstrasse des Ku’damms und
war so zwiegespalten , richtig-falsch, falsch-richtig, als mich die zwei blauen Augen freudestrahlend anschauten. „Danke , Du da bist, dort der beste, gute Tisch für Dich, ich spielen jetzt und Du essen , später essen weiter zusammen, gut ? Du alles bestellen, , ich essen auch das was Du lieben …“ Der Tisch wurde gedeckt, Köstlichkeiten , die ich noch nicht kannte, duftende Speisen mit blumigen Namen ; die melancholische Musik der UD im Hintergrund, dieses Schwingen der Saiten auf dem dunklenhölzernen Korpus, der Spieler schloß die Augen, um ganz zu verschmelzen mit den Klängen, doch wenn er die Lider hob , dann fixierten mich diese blauen Augen mit einer Intensität, das ich nicht wußte, wohin schauen. Es war mir etwas schwindelig . Alles zusammen war wie aus einem Kitschfilm zusammengeschmolzen; schwarzgelockte Kellner, bitte Madame, ist es so recht, noch ein Glas, aber bitte gern, der schmachtenden Blick des Musikers, die Klänge, die nur dazu gemacht schienen, Frauenherzen zu brechen, die völlige Unwirklichkeit nahm von mir Besitz , Leichtigkeit breitete sich um mich herum aus, der Kopf war frei …
Ja, denk nicht so viel, freue Dich, dieses merkwürdige , fast surrealistische Treffen in der Kälte findet hier im Restaurant einen wohligen , freundlichen Abschluss. Warum nicht? Nach dem Konzert, welches sich mit Pausen über 3 Stunden hinzog , und mir in dieser Zeit einen Appetit abnötigte, der mich an das Tafeln von Fürsten erinnerte, mit meinem charmanten radebrechenden Tischnachbarn, der sich nun endlich zu mir setzen konnte, waren alle Vorbehalte verflogen und ich freute mich sehr, diesen Mann getroffen zu haben ,welcher doch eine recht nette und dazu noch außergewöhnlich interessante Erscheinung war. Es war spät, es war schon nach Mitternacht, langsam war Zeit zu gehen. Trotz des so harmonischen Abends machte sich die erste Unsicherheit in meiner Magengrube bemerkbar… Der Mann stand auf , und verbeugte sich „ Ich hole mein Instrument und kläre meine Sachen mit dem Wirt und dann gehen wir, ja? „ Ja, das war mir recht, wollte mich gern noch revanchieren für dieses köstliche Essen, für die Einladung und die Musik- vielleicht noch mit einem Kaffee irgendwo , oder einem Cocktail…

 

Ich wartete am Tisch. Ich wartete 10 Minuten, wartete 20 Minuten , wartete 30 Minuten. Unerträglich… Der Wirt saß noch mit Stammgästen und schwatzte. Ich wurde ungeduldig. Es war spät, ich war müde, ich saß schon lange genug… Ein Herz fassend sprach ich den Wirt an, wo denn der UD- Spieler
sei… erstaunt sah er mich an- der sei doch schon längst gegangen, hinten durch die Küche. Ach so! Ich schlug die Augen nieder, ich mochte dem Wirt nicht unbedingt zeigen, das ich sehr gekränkt war. „Nun dann gehe ich jetzt auch“ , schlüpfte in meine Mantel und wollte mich verabschieden. Und was denn mit der Rechnung sei, fragte er mich. „Aber ich war doch eingeladen worden von ihrem Musiker! „ Eingeladen von cakir Ergün ?“ Er begann zu lachen , kein böses Lachen, sondern eher wissend, fast väterlich erklärte er mir, das der UD-Spieler ihn schon seit Wochen in den Ohren liegen würde, weil er doch gerne hier musizieren würde, er müsse doch mal endlich Geld verdienen… Darauf hin hätte er , der Wirt ihm zum Scherz gesagt, wenn er doch wenigstens mal EINEN guten Gast brächte , dann ließe er ihn einmal spielen. Heute musste ich mein Versprechen einlösen, sagte der Wirt : er hat einen guten Gast gebracht, die Dame, die zu speisen wußte…
Aber wie der Wirt an meinem bestürzten Gesichtsausdruck ablesen konnte, war ich die Einzige, die von dieser Vereinbarung nichts wußte. „ Nun , Madame, trinken wir einen Raki und dann gehen Sie nach Hause, alles andere vergessen Sie ganz schnell- auch die Rechnung…“ Natürlich könne ich meine Rechnung begleichen, das wäre nicht das Problem, ich wäre einfach nur verletzt. Der Wirt küsste meine Hand , fast als wolle er sich für alles entschuldigen, nein, es wäre alles erledigt für ihn, keine Sorge…Ehrenschulden eines vermeintlichen Kavaliers , der plötzlich verschwand, so etwas wäre ihm auch noch nicht vorgekommen…
Und er blieb wie vom Erdboden verschwunden, dieser UD- Spieler, niemals mehr danach gab es kalte Wintermorgen wie dieser, niemals mehr konnte ich das Restaurant betreten, ich war nie wieder in meinem Leben so irritiert .

 

Aber etwas merkwürdiges war geschehen. Ich konnte diesen Mann nicht vergessen. Ich war verliebt ! Er hat gemacht, das ich mich verliebte . Nein, nein, nicht in ihn . Auch nicht in diese unglaublichen Augen- in die UD habe ich mich verliebt. Diese melodischen, klagenden Laute, dieses weiche Timbre der Musik. Dieser nebulös verschwundene Musiker ist schuld, das ich abends in der Dämmerung diese Musik höre. Eine Liebe für mein Leben. Die UD hat meine Sehnsucht entfacht nach dem Goldenen Horn. Wie könnte ich cakir Ergün böse sein.
Auch jetzt, wenn ich meinen graublauen Wintermantel verpacke, vibrieren die Töne durch die Räume.

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